1.) Leitidee und städtebauliches Konzept
Die Leitidee des Entwurfs entwickelt sich aus dem Spannungsfeld zwischen der kleinteiligen, überwiegend von Satteldachhäusern geprägten Nachbarschaft, dem architektonisch prägenden Josefzentrum mit integriertem Kirchenraum sowie den Anforderungen an eine wirtschaftlich tragfähige Nutzung des Grundstücks. Ziel ist die Schaffung eines eigenständigen, zugleich sensibel eingebetteten Josefquartiers, das den Bestand respektiert, weiterführt und zugleich neue Qualitäten eröffnet.
Ein zentrales Element, das das Josefzentrum mit dem neuen Quartier verknüpft, ist ein durchgehendes Sockelgeschoss, das Höhe, Materialität und Farbigkeit des Josefzentrums aufnimmt und in Backstein ausgeführt wird. Auf diesem ruhen leichte Baukörper mit dunkler Holzbekleidung, die sich bewusst farblich absetzen und maßstäblich zurücknehmen.
Entlang der Nordwalder Straße orientieren sich drei giebelständige Baukörper in Anlehnung an die umgebende Satteldachbebauung. Durch die Aufnahme der Bauflucht der östlich angrenzenden Bestandsgebäude springen diese Häuser zurück und lassen so Raum für eine großzügige Grünzone entstehen. Diese Grünzone bildet eine Verlängerung der bestehenden westlichen Grünverbindung mit gewachsenem Baumbestand und schafft einen wirksamen Puffer zwischen Straße und Wohnbereich.
Eine grüne Sicht- und Wegeachse verbindet das Quartier mit dem Kirchplatz und lenkt Passanten von der Nordwalder Straße bis zur Kirche. Eine am Eingang platzierte Glockenskulptur markiert den Auftakt und schafft einen identitätsstiftenden Moment.
Im Zentrum des Quartiers entsteht ein naturnaher, grüner Aufenthaltsbereich. Der Erhalt des wertvollen Baumbestands sowie die Gestaltung mit offenen, weitgehend unversiegelten Bereichen schaffen einen ökologisch hochwertigen Ort für Flora, Fauna und Menschen. Ergänzend entsteht am Übergang zur Kirche ein weiterer großzügiger Freiraum.
Die Gebäude mit Tagespflege und Wohngruppen erhalten aus Respekt zum Kirchbau niedrigere Höhen und ein Flachdach, sodass der Kirchenbau seine Dominanz behält. Ein erhöhter Abstand zur Kirche schafft zudem zusätzliche räumliche Qualität.
Das Ergebnis ist ein kleinteiliges, grünes, fußgängerorientiertes Quartier, das sich selbstverständlich in die Umgebung einfügt und dennoch eine eigene Identität entwickelt.
2.) Nutzungsbeschreibung
Das Josefquartier ist grundsätzlich für seniorengerechtes Wohnen und Betreuungs-
strukturen entwickelt. Die Wohnhäuser (Gebäude 3–6) sind barrierefrei erschlossen, verfügen über Aufzüge und bieten kompakte, gut organisierte Ein- bis Zweipersonen-Einheiten. Diese ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter – auch bei körperlichen Einschränkungen.
Ein wichtiger Baustein gemäß Auslobung ist die Tagespflege. Im Rahmen des Einführungs-kolloquiums wurde jedoch diskutiert, dass perspektivisch aufgrund von Bedarfsentwicklung oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine alternative Nutzung denkbar sein könnte. Dieser Möglichkeit wird planerisch Rechnung getragen:
Über der Tagespflege befindet sich im Obergeschoss eine Wohnungseinheit gleicher Größe. Das Erdgeschoss kann bei veränderten Anforderungen flexibel entweder als Tagespflege oder alternativ in eine gleichwertige Wohneinheit umgewandelt werden ohne das städtebauliche Konzept zu ändern.
Damit wird die Tagespflege dort realisiert, wo sie heute als Bestandteil eines seniorenorientierten Angebots sinnvoll erscheint – gleichzeitig bleibt das Gebäude anpassungsfähig gegenüber zukünftigen Entwicklungen im Pflege- und Wohnungsmarkt. Diese vorausschauende Planung schafft hohe Resilienz:
- Das Nutzungskonzept erweitert sich bedarfsgerecht, statt festgelegt zu sein.
- Sollte sich der Bedarf an Tagespflege nicht dauerhaft bestätigen, kann ohne großen baulichen Aufwand eine hochwertige Wohnnutzung geschaffen werden.
- Das Quartier bleibt langfristig nutzbar, ohne strukturelle Umbauten.
Diese Flexibilität ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber monofunktionalen Lösungen und stärkt die Zukunftsfähigkeit des Entwurfs – unabhängig davon, wie sich sozialräumliche Bedarfe entwickeln. Die Aufteilung in mehrere Einzelgebäude eröffnet zudem langfristige Anpassungsoptionen im Sinne altersgerechter, generationenoffener Entwicklung. Auch für andere Altersgruppen sind diese Gebäude ohne wesentliche Eingriffe nutzbar.
3.) Freiraum
Das Freiraumkonzept schafft eine robuste, gut vernetzte Abfolge naturnaher und nutzungsorientierter Räume. Die grüne Mitte mit ihrem wertvollen Baumbestand bildet einen ruhigen Landschaftsraum, ergänzt durch unversiegelte Wege, grasdominierte Flächen und Strauchpflanzungen.
Am Kirchplatz entsteht ein aktiver Freiraum mit Nutzungsmöglichkeiten wie Boccia oder gemeinschaftlichen Aufenthalten. Die Sichtachse
ins Quartier wirkt sowohl verbindend als auch identitätsstiftend.
Alle Gebäude erhalten einladende Eingangssituationen mit größeren Glasflächen, die Transparenz und ein lichtdurchflutetes, freundliches Ambiente bieten. Vor den Eingängen befinden sich befestigte Außenbereiche mit Sitzbänken und Fahrradstellplätzen. Diese Orte dienen nicht nur der Erschließung, sondern fördern gezielt nachbarschaftliche Begegnung und stärken das gemeinschaftliche Leben.
Müllstandorte werden dezentral und unauffällig platziert, Parkplätze werden entlang der Erschließungsstraße gebündelt und in den Baumbestand integriert. Der innere Quartiersbereich bleibt somit autofrei.
Das Resultat ist eine Abfolge kleiner und größerer Räume, die Bewegung, Ruhe, Begegnung und Orientierung gleichermaßen ermöglichen.
4.) Erschließung
Die Haupterschließung erfolgt über die Verbindung zwischen Nordwalder Straße und Kirche. Entlang der östlichen Grundstücksgrenze ist eine untergeordnete PKW-Zufahrt geplant. Diese dient sowohl als Feuerwehrzufahrt aber auch als Zufahrt für Rettungsfahrzeuge, die eine kurze Erreichbarkeit aller Gebäude gewährleistet. Am Ende verorten wir weitere Stellplätze, die dem Gebäude der Wohngruppen zugeordnet sind. Der innere Bereich bleibt damit autofrei. Ein engmaschiges Fußwegenetz verbindet Eingänge, Plätze, Grünräume und den Kirchplatz.
5.) Energie und Nachhaltigkeit
Die Gebäude sind als Energieeffizienzhäuser geplant. Durch kompakte Baukörper, optimierte Hüllflächen, hohe Dämmstandards, 3-fach-Verglasung und sommerlichen Wärmeschutz wird der Energiebedarf deutlich reduziert.
Für die Erzeugung der Heizenergie ist vorrangig der Einsatz von Erdwärmepumpen vorgesehen; alternativ kann wirtschaftlich eine Luftwärmepumpe realisiert werden. Durch regenerative Energieversorgung entsteht ein stark CO₂-reduzierter Betrieb. Die Heizsysteme sind modular organisiert, sodass zukünftig neue Technologien integriert werden können (z. B. bidirektionale Energiespeicher, PVT-Systeme).
Gebäude 1 und 2 erhalten technische Teilunterkellerungen; alle Häuser verfügen über unabhängige Haustechnik, was flexible Betriebsmodelle ermöglicht, z. B. Vermietung an unterschiedliche Betreiberstrukturen oder phasenweise Gebäudenutzung.
Das Materialkonzept kombiniert den massiven, langlebigen Backsteinsockel mit Obergeschossen in Thermoholz – einem robusten, ressourcenschonenden Material, häufig aus heimischen Hölzern wie Kiefer, Fichte oder Esche. Holz bindet CO₂ langfristig und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Die natürliche Verwitterung des Materials schafft eine ästhetisch hochwertige, dauerhafte Fassadenwirkung. Der Mauerwerksockel gewährleistet gleichzeitig hohe Robustheit im Alltag, insbesondere in den öffentlichen Bereichen.
Die Flachdachgebäude werden vollständig als Gründächer ausgeführt. Sie verbessern den sommerlichen Wärmeschutz, binden Feinstaub, fördern Biodiversität, verzögern den Regenwasserabfluss und verbessern das Mikroklima. Mittig angeordnete Photovoltaikanlagen ergänzen die regenerative Energiebereitstellung.
Die großzügigen Grünflächen – insbesondere die zentrale Oase und die Freiräume vor der Kirche – sorgen bei Starkregen für dezentrale Rückhaltung und Versickerung sowie für eine spürbare Kühlung des Quartiers im Sommer. Durch die Vernetzung der Grünräume entsteht ein ökologisches System, das Lebensraum für Insekten und Vögel bietet und einen wichtigen Beitrag zur städtischen Klimaanpassung leistet.
Nachhaltigkeit wird nicht nur technisch-energetisch, sondern ebenso als sozial-räumliches Prinzip verstanden: Barrierefreie Erschließung, wohnortnahe Unterstützungs-angebote sowie bewusst gestaltete gemeinschaftsfördernde Außenräume mit einladenden Eingangsbereichen stärken Nachbarschaft und Teilhabe. Dies fördert ein hohes Maß an Identifikation, Wohlbefinden und Akzeptanz bei den Bewohnern und trägt so maßgeblich zur langfristigen Stabilität, Werterhaltung und Pflege des Quartiers bei. Durch robuste Materialien, kreislauffähige Konstruktionen und einen hohen Vorfertigungsgrad wird zudem der gesamte Lebenszyklus betrachtet. So werden Rückbau, Wiederverwendung und Weiterentwicklung des Quartiers bereits heute mitgedacht.
6.) Wirtschaftlichkeit
Die Baukörper sind kompakt organisiert und besitzen minimierte Verkehrsflächen.
Das einfache konstruktive System, wirtschaftliche Materialien und die flexible technische Ausstattung sichern niedrige Investitions- und Betriebskosten.
Die Gebäude 3-6 sind identisch. Durch diesen Wiederholungsfaktor sehen wir Einsparpotenzial in Planung und Ausführung.
Durch die Gleichwertigkeit der Tagespflegeflächen mit den darüberliegenden Wohnungsgrundrissen entsteht eine hohe Nutzungsflexibilität, die ein langfristig tragfähiges wirtschaftliches Konzept ermöglicht und auf Veränderungen im Pflege- und Wohnungsmarkt reagieren kann.
So ist das Josefquartier nicht nur räumlich, sondern auch wirtschaftlich nachhaltig und robust gegenüber zukünftigen Entwicklungen.















